STalag II A und NKWD- Lager 9

Fünfeichen- Die Opfer mahnen uns

Der Ort Fünfeichen besitzt weltgeschichtliche Dimensionen. Im Wald des Mühlenholzes ruhen die verscharrten Gebeine tausender Opfer von Krieg, Gewalt und Denunziation.

Fünfeichen war nicht immer ein Ort des Grauens- lassen Sie uns zurück schauen, in die Vergangenheit und dabei bis in die Gegenwart schweifen.

Bauherr des Herrenhauses Fünfeichen mit seinen tudorgotischen und italienischen Renaissance- Elementen war um 1869-1871 Advokat Löper, ein Rechtsanwalt aus der Neubrandenburger Neutorstraße. Das Gut Fünfeichen wechselte oftmals seine Besitzer. 1938 verkaufte Olga von Maltzahn (geb. Jürgens) das gesamte landwirtschaftliche Gut Fünfeichen an die Wehrmacht. Vermutlich kam der Kaufvertrag unter Zwang wegen Ihrer jüdischen Herkunft zu Stande.

Auf dem Gut wurden nun Kasernen (die heutige Tollense-Kaserne), Kraftfahrzeughallen und ein großer Truppenübungsplatz (heute Standortübungsplatz Neubrandenburg) für ein geplantes mechanisiertes Regiment gebaut. 1939 dienten in der Kaserne zwei Landschützenbattallione mit insgesamt 1200 Mann. Während des 2. Weltkrieges wurde hier eine Panzerausbildungstruppe stationiert, weshalb die Kaserne im Volksmund „Panzerkaserne“ genannt wurde.

Ab dem 1.9.1939 wurde im Süden des Truppenübungsplatzes das Stalag II A Neubrandenburg (Stalag- Stammlager, II- Wehrkreis 2 ,A- Buchstabe für die Reihenfolge des Lagers- es war das erste seiner Art im Wehrkreis) erbaut. Kriegsgefangenenlager und die völkerrechtliche Behandlung von Kriegsgefangenen regelte die Genfer Konvention vom 27.07.1929.

Die ersten Gefangenen im Stalag II A waren Polen. Sie marschierten am 12.September 1939 vom Bahnhof Neubrandenburg zu Fuß durch die Stadt nach Fünfeichen und errichteten auf dem Acker ein provisorisches Zeltlager mit 250 Mann-Zelten, umgeben von einem Zaun. Anschließend wurden Baracken (Nordlager) errichtet. Zeitgleich entstand im Süden an der Straße Richtung Bargensdorf, Höhe Landwehr, ein Zentrallazarett mit 5 Baracken. Hier wurden kranke Kriegsgefangene des gesamten Wehrkreises II(Mecklenburg und Pommern)versorgt.

Zwei schwarze Kreuze auf schwarzen Sockeln am Fünfeichner Weg lassen erahnen, wie groß der Gesamtkomplex von Stalag und Krankenlazarett war.

1941 wurde das Stammlager für russische Kriegsgefangene erweitert. Insgesamt entstanden ein Hauptlager mit 48 Baracken, ein Vorlager mit Postbaracke, eine Badebaracke und eine Kompanieführerbaracke. Der Lageralltag war trist: 6:00 Uhr Wecken, 7:00 Uhr Appell, 19:30 Uhr Abendappell, 20:00 Uhr Barackensperre.

Die Nationalitäten wurden streng getrennt und unterschiedlich behandelt-polnische, belgische, holländische, französische, italienische, jugoslawische, wenige griechische, italienische, britische , amerikanische, slowakische und russische Kriegsgefangene. Jeder Kriegsgefangene wurde bei Ankunft mit seiner Gefangenennummer und der laufenden Filmnummer fotografiert und in einer Personalkartei geführt. Die laufende Nr. des Gefangenen wurde auf die persönliche Erkennungsmarke gestanzt, welche immer am Körper getragen werden musste.

Offiziere ab Rang eines Hauptmannes durften nicht zur Arbeit gezwungen werden. Für sie entstand in Fünfeichen ein Kriegsgefangenenlager, dessen Geschichte und deren verschiedenen Teil-Lager noch nicht hinreichend erforscht sind: 500 Meter entfernt vom Stalag II A , jedoch an der Westseite der Straße von Neubrandenburg-Bargensdorf (in gedachter Flucht mit den Panzerkasernengebäudestraße), wurde im September 1940 das Oflag II E für belgische Offiziere errichtet. Das Oflag II E bestand aus einem Teillager in den Garagenhallen der Panzerkaserne und dem Barackenlager, das sich wie erwähnt auf der Westseite der Straße befand. Ab Frühjahr 1941 wurden hier polnische Offiziere interniert.

Im südlichen Teil des Stalag II A, getrennt durch einen Zaun, entstand im Februar 1944 zusätzlich das Oflag 67 . Hier wurden 1500 niederländische Offiziere interniert.

Bis 1945 wurden insgesamt 120.000 Militärangehörige aus 12 Ländern im Lager Stalag ll A registriert. Diese gewaltigen Dimensionen machen deutlich, dass nicht alle Kriegsgefangenen im Lager dauerhaft interniert waren- sie wurden von Fünfeichen aus im gesamten Land Mecklenburg zur Zwangsarbeit in Arbeitskommandos (Rüstung, Industrie, Landwirtschaft, Bau) eingesetzt. Ab Herbst 1941 wurden Kriegsgefangene des Stalag II A zum Aufbau der Torpedoversuchsanstalt am Tollensesee herangezogen. Die Opferzahlen des Stalag II A- Lagers sind vakant und können darum nur geschätzt werden. Im Kriegsgefangenenlager kamen 1500 russische Militärangehörige und 500 Soldaten anderer Nationen ums Leben. Der Vergleich der Opferzahlen des Stalag II A zeigt, dass russische Kriegsgefangene von der Deutschen Wehrmacht unmenschlich behandelt wurden.

Ende April kündigte entfernter Artilleriedonner die bevorstehende Befreiung des Fünfeichener Kriegsgefangenenlagers an. So gab gab Stalag- Kommandant Wuttge am 27.4.1945 einen Evakuierungsbefehl, den die große Masse der Gefangenen verweigerte. Die Wachmannschaft setzte sich am Abend mit ungefähr 600 Gefangenen Richtung Schwerin in Bewegung.Im Chaos der letzten Kriegstage flüchteten viele, das begleitende Lagerpersonal setzte sich ab.

Am Nachmittag des 28. April 1945 durchbrach ein russischer T 34 Panzer der 1. Gardepanzerarmee den doppelten Stacheldrahtzaun. Während die Wachmannschaft schon längst geflohen war, übergab Lagerführer Hauptmann Menz dem Kommandeur der russischen Panzereinheit das Lager. Die kampflose Befreiung geschah ohne Opfer. Viele Lagerinsassen wurden nach ihrer Befreiung in die Gebäude der Panzerkaserne verlegt.

Für kurze Zeit wurde Fünfeichen zum Repatriierungslager Nr.165. Es diente zur Sammlung und geordneten Rückführung der verschiedenen Nationalitäten in ihre Heimatländer. Im Lazarett, sowjetische Bezeichnung Nr.37794, wurden nicht transportfähige Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter behandelt, bevor auch sie ihren beschwerlichen Weg in die Heimat antraten.

Seit Mai 1945 nutzte die Siegermacht Sowjetunion die Gebäude des Stalag II-Kriegsgefangenenlagers für das gefürchtete Speziallager 9. Das Lager wurde in 3 Zonen eingeteilt: Nordlager, Südlager und die zentrale Eingangszone mit Industriehof. Im Lazarett wurden nun die Kranken des Speziallagers 9 behandelt.

In das Gutshaus Fünfeichen zog der russische Lagerkommandant ein. Im Speziallager Nr. 9 internierte der NKWD (Volkskommissariat für innere Angelegenheiten der UdSSR) von 1945-1948 ungefähr 12500 – 15.000 Deutsche. Nicht nur Kriegsverbrecher, sondern auch politische Gegner und unschuldig denunzierte Menschen bis hin zu Jugendlichen, denen vorgeworfen wurde, nach Kriegsende als Wehrwolf zu kollaborieren, kamen in das Speziallager 9. Der jüngste Insasse im Speziallager 9 soll ein 12-jähriger Junge gewesen sein. Die Internierten, viele von ihnen waren NSDAP- Mitglied, sollten entnazifiziert und umerzogen werden. Auch der letzte Pächter von Fünfeichen, Andreas Bodenstein, kam mit ungeklärtem Schicksal ins Speziallager Nr.9. Alles war verboten: Kontakt zu Familienangehörigen-verboten, Zeitungen – verboten, Radio- verboten, Fremdsprachen lernen- verboten, singen- verboten, zeichnen- verboten, schreiben- verboten! An den Folgen der Lagerhaft starben 4700 Insassen, 700 Personen wurden nach Sibirien deportiert. Im Juli 1948 wurde das Speziallager 9 aufgelöst: 4500 Gefangene wurden entlassen, 3000 Häftlinge nach Buchenwald überführt. Die Menschen, welche entlassen wurden, mussten sich unter Strafandrohung verpflichten, über das Lager und die Geschehnisse zu schweigen. Nach der Lagerauflösung wurden alle Gebäude abgerissen. Das restliche Holz der Baracken wurde von der Neubrandenburger Bevölkerung als Brenn- und Bauholz bis ca.1950 abgetragen- darum gibt es bis auf wenige Fundamentreste keinerlei erkennbaren Spuren der Kriegsgefangenenlager. 

Von 1958- 1961 wurde der Stalag II – Friedhof in eine Ehrenanlage mit einem Ehrenmal umgestaltet. Forschungen zum NKWD-Speziallager Nr.9 waren von der SED-Leitung unerwünscht.

Von 1979-1990 nutzte die Nationale Volksarmee (NVA) das ehemalige Gelände von Stalag und Speziallager, den sogenannten „Bienenacker“, als Übungsgelände. Der Stalag II- Friedhof mit dem Ehrenmal lag nun im militärischen Sperrgebiet und verwahrloste. Das Gutshaus wurde als Kindergarten und kleiner Verkaufsladen für NVA- Offiziere genutzt.

Mit dem Ende der Deutschen Teilung begann die Aufarbeitung der dunklen Lagergeschichte von Stalag II A und Speziallager Nr.9: Am 25.04.1990 erfolgten Probeschachtungen auf der Suche nach vermuteten Massengräbern aus der Zeit des Speziallagers Nr.9. Es wurde ein Gräberfeld aus der Anfangszeit des Speziallagers 9 freigelegt.

Im April 1992 gründete sich die Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen – Opfer und Angehörige bekamen eine Stimme und einen würdigen Ort des Gedenkens. Der Stalag II A Friedhof mit seinem Denkmal wurde instand gesetzt; der Eingangsbereich mit einem gefallenen Kreuz neu gestaltet. 1999 wurden im NKWD-Südfriedhof Bronzetafeln mit 5169 Namen eingeweiht. Das ehemalige Gutshaus Fünfeichen ging in den Besitz des Bundesvermögensamtes über. 2003 wurde es versteigert und verfällt zunehmend.

Im April 2008, anlässlich des 60. Jahrestages der Schließung des NKWD-Lagers, bekam die kleine stählerne Gebetsglocke aus der Marienkirche in einem offenen Glockenturm der Gedenkstätte Fünfeichen einen neuen Platz.

Ein Besuch der Gedenkstätte Fünfeichen berührt und macht betroffen.